• Blog Permakultur

2021 03 augen auf observe interact"Beobachte und interagiere" ist das erste Grundprinzip der Permakultur. David Holmgren hat diese zwölf Grundprinzipien der Gestaltung bereits Ende der 70er Jahre formuliert.

Der frühe Frühling ist eine meiner liebsten Beobachtungszeiten für Gartenfragen. Wenn der Schnee schmilzt oder morgens der Reif sich von Dächern und Wiesen zurückzieht, dann sieht man sofort, wo die Stellen sind, an denen die Wärme sehr früh wirkt und wo sich Frost und Schnee sehr lange halte. Es lohnt sich, sich diese Stellen zu merken (oder sogar in einen kleinen Plan einzuzeichnen). Im Laufe des Sommers vergleiche ich immer mal, ob die Orte, an denen es besonders warm oder besonders kalt ist, die gleichen bleiben oder sich z.B. durch einen anderen Sonnenstand verändern. Dann kann ich für besonders wärmeliebende Pflanzen passende Standorte auswählen. Ebenso kann ich Feldsalat-Aussaaten im Spätsommer oder meinen kleinen Wurmkomposter im Sommer entsprechend kühl aufstellen. Ganz einfach und sehr wirkungsvoll.

Wenn ich größere Umgestaltungen angehen will und ein Grundstück mir ganz neu ist, empfiehlt die Permakultur, erstmal ein ganzes Jahr gut zu beobachten: wie sich Licht und Wärme auf dem Grundstück verhalten, wo es zu welcher Zeit besonders feucht oder trocken ist, welche Pflanzen und Tiere bereits mein Grundstück besiedeln. Dabei geht es um reine Beobachtung! Erst in einem nächsten Schritt bewerte ich meine Beobachtungen und überlege dann, was ich wie verändern möchte.

Bei Resonanz miteinander interessiert uns besonders, was verschiedene Ansätze, zum Wandel hin zu einer enkeltauglichen Welt, verbindet. Die Beobachtung scheint einer der universellen Schlüssel zu sein. Ganz besonders die Trennung von Beobachtung und Bewertung. Im Alltag sind wir in aller Regel daran gewöhnt automatisch aus unseren Beobachtungen Bewertungen abzuleiten und oft gehen wir auch direkt aus der Bewertung in eine Handlung über. Während dies im Straßenverkehr meistens sehr lebensdienlich ist, birgt es in anderen sozialen und natürlichen Prozessen die Gefahr, dass wir Wesentliches übersehen oder übergehen.  Im Sozialen ist dies sehr oft der Fakt, das ein anderer Mensch die gleiche Beobachtung ganz anders bewerten kann. Sehr explizit bearbeitet diese „Alltagsfalle“ die Gewaltfreie Kommunikation. Eine der Grundübung ist hier: eine Situation beobachten „wie eine Kamera“ und dann hinspüren, was das Beobachtete in mir auslöst und warum. Wenn ich mit einem anderen Menschen in einen Konflikt gerate ist dann der erste Schritt, sich über die beobachtbaren Vorgänge zu verständigen und sicher zu stellen, dass der andere zumindest diese reine Beobachtung teilt. Manchmal tun sich da schon Welten auf. Bei der Bewertung des Beobachteten geht es dann in aller Regel weit auseinander, denn sonst wäre kein Konflikt entstanden.

Und in der Corona-Krise? Da habe ich ein riesiges Übungsfeld entdeckt! Schon wenn ich „Corona-Krise“ schreibe, ist das natürlich eine sehr deutliche Bewertung der derzeitigen Situation. Was kann ich denn persönlich direkt beobachten? Ich beobachte meine Tochter, die seit einem Jahr weniger und ganz anders zur Schule geht, als das in der Schuljahresplanung für Bayern steht. Ich beobachte Menschen, die in Geschäften, in Bussen und an Tankstellen Masken tragen und sich nicht die Hand geben oder umarmen, wenn sie sich auf der Straße treffen. In meinem Wohnort sehe ich viele geschlossene Geschäfte. In meiner Familie und meinem Umfeld habe ich bisher niemand beobachtet, der an Covid-19 erkrankt ist. Dabei ist mir klar, dass Deine Beobachtungen besonders in diesem Punkt ganz anders sein können. Ich merke auch, dass es für mich sehr hilfreich ist, erstmal mit Menschen darüber zu sprechen was sie momentan beobachten und erleben, bevor wir darüber sprechen, wie wir die Situation bewerten.

Spannend finde ich auch, zu beobachten, wie ich selbst über die Situation spreche. Mindestens ebenso aufschlussreich ist das, was ich an Berichterstattung z.B. in Nachrichtensendungen beobachten kann. Die Nachrichten auf die Trennung von Beobachtung und Bewertung hin zu beobachten – wow. Wenn die jetzige Situation dazu beiträgt, dass wir mehr zu bewussten, aktiven Beobachter*innen werden, dann wäre ich richtig froh und dankbar! Weiter Schritte nicht ausgeschlossen 😉!

Eure Katrin Fieberitz