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Die Biodiversität auf Flächen, die ökologisch bewirtschaftet werden, ist um 34% höher als auf Flächen in der konventionellen Landwirtschaft. Auf eine entsprechende Studie hat in der letzten Woche die IFOAM (International Federation of Organic Agriculture Movements) hingewiesen.

"Toll", können wir da jetzt sagen. Vielleicht auch: „das habe ich ja immer schon gesagt“. Auf die Tücken solcher Studien und die großen Unterschiede, je nach dem, was angebaut wird, will ich hier nicht weiter eingehen. Mich interessiert heute, ob der „Bio-Bauer“ diese 34% mehr Insekten und Wildpflanzen als Ertrag verbuchen kann. Ökologisch und gesellschaftlich erbringt er mit diesen 34% eine bemerkenswerte Leistung, da sind wir uns vermutlich recht schnell einig. Würde ein Industrieunternehmen einen um 34% höheren monetären Ertrag erwirtschaften, als die Konkurrenz, würde das vermutlich für ordentlich Furore sorgen. Eine entsprechend höhere Biodiversität reicht nur für einen warmen Händedruck oder ein Schulterklopfen – und in Zeiten der Pandemie fällt selbst das noch aus.

Das, was wir in unserer Gesellschaft als „Gewinn“, „Ertrag“ und „Erfolg“ verbuchen, ist sehr stark auf die monetäre Ebene reduziert. Dem entsprechend habe ich gestutzt, als ich zum ersten Mal in der Permakultur dem Prinzip „Erhalte einen Ertrag“ begegnet bin. Aus gärtnerischer Sicht war es dann für mich relativ schnell nachvollziehbar, dass wir nach Möglichkeit eine Ernte erzielen wollen. Landwirtschaftliche Betriebe ohne Ernte haben eine sehr kurze Lebensdauer. Auch Ideen, wie Kartoffeln um junge Obstbäume zu pflanze, um einerseits kein Gras auf der Baumscheibe wachsen zu haben und andererseits eine kleine Kartoffelernte zu erzielen, solange der junge Baum noch keine Früchte bringt, waren mir auf Anhieb sympathisch. Dabei ist deutlich, dass es nicht darum geht, schnell einen (monetären) Maximalertrag zu erzielen. In der Permakultur richtet sich dieses Prinzip eher darauf aus, dass wir von irgendetwas leben müssen. Wir brauchen eine Ernte, um Kraft für neue Arbeitsschritte zu haben. Ein überschaubarer, kurzfristiger Ertrag sorgt zudem dafür, dass wir motiviert bleiben, Arbeit für den langfristigen Ertrag zu leisten.

Gesellschaftlich geht es darum, zu hinterfragen, was wir als „Ertrag“ und „Gewinn“ ansehen. Wenn die bisherige Definition nicht wirklich dem Leben dient (worauf nicht zuletzt die Zahl am Anfang des Artikels hinweist, denn sie bedeutet auch, dass in der wirtschaftlich erfolgreichen konventionellen Landwirtschaft die Biodiversität um 34% niedriger ist), ist es höchste Zeit etwas zu ändern. Ein Ansatz, der viele ökologische und soziale Faktoren einbezieht, ist die Gemeinwohlökonomie. Sie hat unteranderem einen Vorschlag zu einer erweiterten Bilanz von Wirtschaftsbetrieben erarbeitet. Wenn man diese Bilanzen heranzieht, würde eine 34% höhere Biodiversität sich wirklich positiv zu Buche schlagen und nicht nur ein gutes Gefühl geben, sondern auch klare wirtschaftliche Vorteile.

Es gibt sie bereits, die gut ausgearbeiteten Alternativen und praxisorientierten Vorschläge, wie es anders gehen kann. Jetzt geht es darum, sie mehr und mehr umzusetzen!

Und in der Corona-Krise? Auch wenn es einigen Politikern sehr gut gelungen ist, aus den Maßnahmen gegen Covid-19 einen monetären Ertrag für die ganz eigene Tasche zu erhalten, stellt sich für mich nicht die Frage, ob ich daraus einen Ertrag erhalten kann. Die Pandemie ist nichts, wofür ich mich entschieden habe oder freiwillig Energie und Ideen aufwende. Allerdings sehe ich eine große Parallele: sich auf wenige, eindimensionale Zahlen zu fokussieren, dient niemals umfassend dem Leben. Dabei ist es recht gleichgültig, ob diese einzelnen Zahlen Rendite, Brutto-Sozialprodukt oder Inzidenz-Wert heißen. Wir müssen in unserer Gesellschaft endlich lernen die größeren, komplexeren Bilder für Bewertungen von Situationen heranzuziehen und damit zu arbeiten. Gerade wenn es schwierig wird!

Für mich persönlich bedeutet das, mein eigenes Denken so anzustrengen, dass ich diese Bilder erfasse. Heute gehe ich z.B. der Frage nach, warum ich in diesem Frühjahr so viel weniger Insekten auf meiner ökologisch bewirtschafteten Fläche antreffe als letztes Jahr. Denn es kommt mir weit weniger auf die durchschnittliche Prozentzahlen an als darauf, auch in diesem Jahr die blaue Holzbiene auf dem Foto oben am Muskatellersalbei bewundern zu können. Vor allem aber darauf, rechtzeitig mitzubekommen, falls sich für sie und ihre Kolleginnen die Bedingungen verschlechtern. Und in diesem Fall möglichst schnell dem umfassend entgegenwirken zu können.